Es gibt einen Moment beim Vorlesen, den alle Eltern kennen. Man liest einen Satz, der offensichtlich eine Botschaft transportieren soll, und das Kind schaut auf, mit genau diesem Blick. Der Blick sagt: Ich weiß, was du vorhast.
Kinder haben einen sehr feinen Sensor dafür, wann ein Buch eine Geschichte erzählt und wann es sie belehrt. Und sie mögen das zweite nicht.
Warum Fairness ein perfektes Kinderthema ist
Von allen großen Themen ist Gerechtigkeit dasjenige, das Kinder am frühesten verstehen. Kein Kind muss erklärt bekommen, warum es ungerecht ist, wenn einer drei Kekse bekommt und die anderen keinen.
Das Gefühl ist längst da. Bücher müssen es nicht erzeugen – sie müssen ihm nur eine Sprache geben.
Woran du ein gutes Buch erkennst
- Es hat eine Geschichte, nicht nur ein Thema. Wenn du nach zwei Seiten weißt, wie es ausgeht, weiß es das Kind auch.
- Die Figuren dürfen Fehler machen. Ein Kind, das im Buch etwas Unfaires tut und es später merkt, ist glaubwürdiger als eines, das von Anfang an alles richtig macht.
- Es gibt keine Auflösung im letzten Absatz. Die besten Bücher enden mit einer offenen Frage, über die man danach redet.
- Die Bilder erzählen mit. Bei kleineren Kindern passiert das Verstehen ohnehin über die Bilder.
Nach Alter gedacht
Drei bis fünf Jahre: Hier geht es um Teilen, Anstellen, Abwechseln. Nicht um Weltwirtschaft. Bilderbücher über Freundschaft und Streit leisten hier die eigentliche Arbeit.
Sechs bis neun Jahre: Jetzt wird das Interesse größer: Woher kommen Dinge? Warum haben manche mehr? Sachbilderbücher über den Weg eines Produkts funktionieren in diesem Alter hervorragend.
Zehn bis dreizehn Jahre: Hier vertragen Kinder ganze Romane mit ernsten Themen, und sie wollen sie oft auch. Wichtig ist nur, dass die Hauptfigur ungefähr gleich alt ist.
Der wichtigste Teil kommt nach dem Buch
Nicht fragen: „Und was haben wir daraus gelernt?“ Das beendet jedes Gespräch auf der Stelle.
Besser funktionieren Fragen, auf die du selbst keine fertige Antwort hast:
- „Was hättest du gemacht?“
- „War das gerecht, findest du?“
- „Warum hat der das wohl getan?“
Kinder antworten darauf oft überraschend. Und manchmal auch überraschend klug.
Die Bibliothek ist hier unschlagbar
Kinderbücher sind teuer, und ob eines ankommt, weiß man vorher nie. In der Bücherei nimmt man fünf mit, drei davon werden ignoriert und eines wird sechs Wochen lang jeden Abend verlangt.
Genau dieses eine hätte man im Geschäft vermutlich nicht ausgewählt.
Und wenn das Kind lieber etwas anderes liest?
Dann liest es etwas anderes. Ein Kind, das mit Begeisterung Comics über Dinosaurier liest, ist besser dran als eines, dem man pädagogisch wertvolle Bücher aufdrängt, bis es das Lesen insgesamt fad findet.
Die Haltung kommt ohnehin weniger aus Büchern als daraus, wie zu Hause miteinander umgegangen wird. Bücher können das begleiten. Ersetzen können sie es nicht.